Das paradiesische Bild

 

Oh, welch paradiesisches Bild! Ein zufriedenes Baby in den Armen der liebenden, alles erfüllenden Mutter.

Doch der Alltag mit einem Baby / mit Kindern schaut oft anders aus.

So wie auf diesem Bild oben: Das Baby weint, aber die Mutter scheint sich gerade nicht darum kümmern zu können. Ihre Augen erzählen von großen Sorgen und Nöten. Es könnte auch sein, dass diese Mutter gerade sehr müde ist und einfach mal eine Pause braucht. Vielleicht aber weiß sie um die Nöte ihres Babys, kann jedoch nicht helfen und ist einfach da für ihre zwei Kinder.

In meinen Baby-Shiatsu-Kursen erzählen die Eltern oft von Bauchschmerzen, Schwierigkeiten beim Einschlafen oder überhaupt einen Tagesrhythmus finden, zu hastig trinken usw. Oft ist auch der Schlafmangel Thema, oder Phasen, in denen das Baby vermehrt weint.

Doch kürzlich sagte Anna (Name geändert), sie traue sich das fast nicht zu sagen. Ihr Baby (3 Monate alt) schläft gut und ist sehr zufrieden. Es geht ihr körperlich sehr gut und auch der ganzen Familie. Und doch merkt sie, dass sie selbst nicht zufrieden ist und „es“ nicht genießen kann. So sehr sie ihren Sohn auch liebt!

Woher kommt diese große Unzufriedenheit der Mutter und gleichzeitig diese Sehnsucht nach diesem paradiesischen Gefühl?

Ein Baby im Bauch, wenn alles gut läuft, hat fast paradiesische Verhältnisse.

Es kennt keinen Hunger und Durst, weil es durchgehend über die Nabelschnur versorgt wird. Der mütterliche Herzschlag bildet eine permanente, vertraute Geräuschkulisse. Es ist umhüllt von der Gebärmutter und schwimmt im warmen, süßen Fruchtwasser. Die Temperatur ist immer konstant. Für sanfte Abwechslung sorgen die gedämpften Geräusche von der Außenwelt oder das Gurgeln von Mamas Verdauung. Durch die Bewegung der Mutter wird es sanft im Fruchtwasser geschaukelt. Die Welt ist klar abgegrenzt.

Durch den natürlichen Geburtsvorgang wird es plötzlich zusammengepresst, der Übergang in eine neue Welt. Jetzt wird es erst mal verdammt eng und dann landet es in einer ganz fremden Welt, die grenzenlos scheint. Es ist mal kalt, mal warm. Der Herzschlag von Mama ist nicht mehr der beständige Begleiter. Da sind viele laute, fremde Geräusche, ein grelles Licht. Der erste Atemzug.

Nun wird es nicht mehr vom Fruchtwasser umhüllt, sondern von trockener Kleidung, die keine Wärme mehr ausstrahlt.

Und dann kommt da ein Gefühl mitten im Bauch – Hunger und das Drücken der Verdauung!

Für das Baby beginnt die Entdeckungsreise auf dieser Welt!

Nun heißt es, mit den vielen neuen Reizen klarkommen, die vielen Farben, Geräusche, Stimmungen und Empfindungen. Es lernt essen und verdauen. Der erste Schmerz lässt sich nicht verhindern, ob wegen Hunger, Schnupfen, Zahnen oder dem ersten Sturz auf die Nase. Und es werden weitere folgen! Es entdeckt nach und nach seinen eigenen Körper, die Hände, die Füße, … Es lernt sich fortbewegen, plaudern und selber einschlafen. Mit jedem Reiz wird sein Gehirn programmiert und strukturiert.

Die Sehnsucht nach diesem paradiesischen Zustand im Bauch ist anfangs jedoch noch stark da. Eltern spüren unbewusst, wenn es gelingt, ihrem Baby die Welt so zu gestalten, dass es dem paradiesischen Zustand im Bauch am nächsten kommt. Dann sind meist beide zufrieden, die Eltern und das Baby!

Eltern tun ihr Bestmöglichstes, dem nahe zu kommen.  Die meisten Eltern kennen Gedanken wie: Ich will mein Bestes geben. Ich möchte meinem Kind gewisse Dinge ersparen.

Die frischgebackenen Eltern wollen also liebevoll und fürsorglich sein, merken jedoch bald, dass dieser Idealzustand nicht immer haltbar ist. Gleichzeitig sind sie selbst überwältigt von ihrer neuen Situation.

Anna z.B. hat im Laufe unseres Gesprächs bemerkt, dass die anderen Mütter ähnliche Gedanken und Gefühle kennen und hat weiters erforscht, was sie unruhig und unzufrieden macht. Sie braucht mehr Leute um sich herum, möchte mit anderen quatschen, sich austauschen und findet, dann ist ihr Sohn auch nachmittags zufriedener.

Diese Unzufriedenheit kann verschiedene Ursachen haben. Vielleicht ist es die Verantwortung für ein so kleines Menschlein, das Manchen überrascht (v.a. beim ersten Kind). Für andere ist es die Umstellung auf einen neuen Tagesrhythmus, der nun vom Bedürfnis des Babys mitgestaltet wird. Oder es sind liebgewonnene Gewohnheiten, die von heute auf morgen aufgegeben werden müssen. Es gilt, bis jetzt völlig unbekannte Situationen zu meistern. Es scheint, als müsste man das Leben neu entdecken. Der erste Spaziergang mit dem Kinderwagen, die erste Autofahrt, das erste Mal das Baby jemand anderem überlassen …

Die Mutter ist außerdem noch physisch in einem Ausnahmezustand. Der eigene Körper fühlt sich fremd an, steht er ja immer noch unter dem Einfluss von Hormonen. Die gewohnte Kraft fehlt noch und das Stillen und der Schlafmangel sind beständige Energieräuber.

Welche junge Mutter und auch junger Vater ertappt sich nicht mal bei dem Gedanken: Und wo ist mein Leben geblieben? Wie können wir es umgestalten, dass es allen wieder gut geht?

Gemeinsam mit dem Baby auf Entdeckungsreise gehen, kann ein Schlüssel in diesem Dilemma sein.

Hier ist die Kunst, die Bedürfnisse des Babys zu erkennen und diese so weit wie möglich zu erfüllen. Das ist jedoch NIE vollkommen möglich! Wir können dem Baby manchen Schmerz und Unzufriedenheit nicht abnehmen. Das kann auch z.B. der Schmerz sein, sich immer mehr in dem Tagesrhythmus zurecht zu finden, den die Eltern vorgeben. Da heißt es vielleicht auch mal, die unerfüllten Bedürfnisse mit dem Baby auszuhalten.

Und die wirklich große Kunst liegt darin, die eigenen Bedürfnisse dabei nicht ganz zu vergessen! Dem Baby kann es nur wirklich gut gehen, wenn es Mama und Papa auch gut geht! Hier die Balance zu halten, ist tagtäglich eine Herausforderung.

Anna war jedenfalls sehr erleichtert, zu hören, dass andere Mütter auch ähnliche Zweifel oder Sorgen haben. Als sie für sich verstanden hat, dass sie mehr Leute um sich braucht, damit es ihr gut geht, wusste sie schon mehr, wie sie sich aus ihrer Unzufriedenheit herausmanövrieren kann.

Mir sind in meinen Baby-Shiatsu-Kursen die Kleingruppen wichtig. Diese geben die Möglichkeit, gemeinsam zu entdecken, wie die Babys in den ersten Monaten diese Welt erobern und welcher Teil des Babys-Shiatsus sie dabei unterstützen kann. Gleichzeitig tut sich ein Raum auf, in dem die Eltern sich selbst in ihrer neuen Rolle entdecken und austauschen können. Es geht nicht um Probleme wälzen, …. viel mehr geht es um die Erkenntnis, dass viele Themen, die sie beschäftigen und auch die Ängste, Sorgen, Unzufriedenheiten, usw. in dieser neuen Situation ganz normal sind.

… um dann diese wundervollen Glücksmomente zu genießen, wenn das Baby gerade total zufrieden und geborgen sich anschmiegt.

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