Vom hässlichen Entlein und der Reise zu mir selbst

Für alle, die gerade reisen und jene, die schon angekommen sind.

Dies ist eine Geschichte der Transformation und des Selbstwerdens, der Selbstliebe und Akzeptanz und der Hingabe zum Leben. Märchen sind Ur-Kunde, in Bildern erzählte Weisheiten, die Jahrhunderte überlebt haben und immer noch erzählt werden. Fühl genau hin, vielleicht ist es auch deine Geschichte.

Es war einmal ein graues Entlein, geboren in eine falsche Familie. Es hatte nichts gleich mit ihnen, weder das Aussehen noch die Art des Seins. Es fühlte sich ungeborgen und nicht richtig. Von den Geschwistern und den anderen Enten wurde es gemobbt und ausgeschlossen, sie schimpften es das hässliche Entlein. Lediglich die Mutter versuchte es zu lieben, versorgte es und beschützte es vor der Menge der meuternden Enten. Lange machte die Mutter das mit, doch der Druck der Entengesellschaft wurde zu groß und sie beschloss, ihr Kind fort zu jagen.

Das Entlein ging mit großem Schmerz. Es wanderte. Es reiste. Es traf auf andere Vögel, wollte mit ihnen leben, dazugehören. Doch auch diese lachten über es, über das kleine, graue Wesen und jagten es fort. Noch nicht resignierend wanderte es weiter und suchte nach Heimat und Geborgenheit. Es wurde langsam Winter und das hässliche Entlein wusste, dass es alleine wohl kaum überleben würde können. So nahm es nochmals alle Kraft zusammen und wanderte weiter.

Hoch oben in den Lüften sah es prachtvolle, weiße, wunderschöne Vögel, die sich majestätisch vom Wind tragen ließen. Voller Sehnsucht dachte es: „Wäre das ein Glück, wenn ich nur ein wunderschöner Vogel wär und nicht ein hässlich graues Entlein.“

Halb erfroren und ausgehungert kam es zu einem Bauernhof, die Kinder freuten sich sehr über das zugelaufene, zuckersüße Tier und brachten es sogleich zur Mutter in die warme Stube. Sie hatten Erbarmen mit dem kleinen Ding und nährten und pflegten es, so dass es bald wieder zu Kräften kam. Zum ersten Mal fühlte es sich willkommen und hatte einen Platz in einer Familie. Das scheinbare Glück hielt nicht sehr lange, da die Hauskatze dem neuen Bewohner nicht ganz gut gesonnen war.

Wieder wurde das hässliche Entlein fort gejagt und verbannt. Es fand im Stall der Bauernfamilie Zuflucht. Da es draußen noch kalt war, schien das der perfekte Ort, um zu überwintern. Das Stalloberhaupt Pferd gewährte ihm Aufenthalt im Hühnerstall.

Die Hühner waren skeptisch gegenüber dem grauen Vogel, er war ihnen gar nicht gleich und äußerst merkwürdig. So spotteten sie und gackerten und pickten es manchmal. Sie wollten von ihm wissen, was denn graue Enten so treiben und das Entlein erzählte ihnen voller Sehnsucht von der Weite des Sees, vom frischen Morgenwind und vom kühlen Wasser, in dem es so gern schwamm. Das war das Ende für die Ente im Stall, die Hühner erklärten es sofort für verrückt, für nicht ganz bei Sinnen. See, Wind, Wasser, das konnten sie überhaupt nicht ausstehen und schon gar nicht verstehen, dass jemand gerne schwimmt. Sie jagten es fort.

Es war inzwischen Frühling geworden und das Entlein wanderte traurig weiter. Es gab auf. Es konnte einfach nicht dazugehören zu diesen Gemeinschaften und Familien. Es beschloss, zu akzeptieren, was es war und allein zu bleiben, auch wenn es das Leben kosten würde. Voller Erschöpfung erblickte es das Wasser, es glitt hinein und war Zuhause. Es schwamm in die Mitte des Sees und erblickte ein paar dieser prachtvollen Vögel, die es schon vor dem Winter hoch oben in den Lüften erblickt hatte. Es erschrak sogleich, wollte umdrehen und sich verstecken, weil es aus Erfahrung sehr misstrauisch war. Doch die Gruppe dieser wunderschönen Vögel schwamm auf das Entlein zu und begrüßte es mit wilden, freudvollen Flügelschlägen. Das Entlein wusste nicht, wie ihm geschah und wehrte sich. Niemand wollte es bei sich aufnehmen und dann diese majestätischen Vögel. Nein das konnte nicht sein, es schwamm wieder davon. Der Größte der weißen Riesen folgte ihm schnell und zeigte ihm sein Spiegelbild im klaren Wasser. Es traute seinen Augen nicht, es selbst war solch ein prachtvolles Wesen geworden. Es selbst war so wunderschön, so majestätisch geworden und wurde von denen erkannt, die es schon lange waren – den Schwänen.

Du bist nicht gut, so wie du bist

Es erging mir ähnlich wie dem Entlein, als hochsensibles Kind wurde ich in eine Metzgerfamilie geboren, ich fühlte mich nicht sonderlich geborgen, noch war ich mit meiner Art recht akzeptiert. Doch war es ein Bauernhof und ich hatte viele Tiere rundum, die mich nicht wie die Menschen bewerteten, sondern sich als beste Freunde bewiesen.

Ich erzählte meiner Familie von der Sehnsucht, ferne Länder zu bereisen, ich wollte Singen, Tanzen und Malen, Gitarre spielen und Schlagzeug. Das alles wurde mir von meinen Eltern zwar gestattet, doch kam mir keine emotionale Wärme entgegen, die mich in meinem Tun bestätigte, nur kalte Gleichgültigkeit und Zweifel. „Sie ist halt so, so war sie schon als kleines Kind“, sagten sie immer wieder zu den Leuten, die meine Andersartigkeit wahrnahmen und skeptische Mimik preisgaben.

Geh, damit der Weg dich finden kann

Mit 14 Jahren war für mich die Zeit gekommen und ich beschloss zu gehen, zog aus und suchte mir Arbeit um selbständig leben zu können. Es gelang, ich wurde Metzgermeisterin und erntete ein wenig Wärme von Seiten meiner Familie, jetzt war ich ihnen schon gleicher. Es gab mir das ersehnte Gefühl, dazuzugehören. Kurz war ich glücklich. Kurz.

Wie das Entlein vor den Hühnern vom Schwimmen schwärmte, erzählte ich den Metzgern von meiner Begeisterung für Philosophie, meiner Liebe zum Schreiben und dem Drang, Potentiale und Wirklichkeiten zu erkunden. Statt Gackern, raunzten die Metzger und hielten mich für verrückt – doch ich hatte einen Meistertitel inne und wurde deshalb respektiert. Glücklich war ich jedenfalls nicht. Die Sehnsucht nach der Ferne zog mich fort und ich erkundete fremde Länder, andere Kulturen und Lebensstile. Ich lebte über Jahre aus dem Rucksack und hielt mich nirgends lange auf.

Das Leben weist dich, achte auf die Zeichen

Das Leben drängte mich, sesshaft zu werden und zu bleiben, das Schicksal half und ich landete in einem kleinen Dorf bei den Bauern. Mir war klar, dass ich dort nicht dazugehören konnte, mit meiner offenen Art und weitem Horizont war es unmöglich, mich dort gesellschaftlich einzugliedern. Also ging ich in den Rückzug, ich beschloss, allein zu bleiben. Ich beschäftigte mich mit mir, es ging tief und anfangs war es dunkel. Ich litt und weinte, ich fühlte Emotionen, die lange bewusst unterdrückt waren. Ich hielt den Schmerz nicht mehr aus und gab mich hin. Ich nahm mich an, so wie ich war, ich akzeptierte. Ich öffnete mein Herz, lernte, mich zu lieben und hörte auf, zu verurteilen. Ich erkannte die Bilder, die nicht zu mir gehörten und wurde Ich-Selbst.

Der größte Sieg war das Aufhören, gegen mich Selbst zu kämpfen und mich dem Leben hinzugeben. Ich wurde neu geboren und das Leben offenbarte sich erneut. Mit diesem wunderbaren Gefühl Ich-Selbst zu sein, richtig zu sein und gut, zog ich aus in die sichtbare Welt. Ich sah mich als wundervolles, göttliches Wesen und wurde von denen erkannt, die es schon lange waren – den Schwänen.

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