Die Dunkelheit der Nacht liegt weich über dem Land. Sternengefunkel, die blasse Sichel des Mondes am Himmel. Sie fährt zügig, das breite Band der Autobahn liegt schimmernd vor ihr, noch feucht vom Regen. Der Lichtkegel der Scheinwerfer durchschneidet die Finsternis, für einen Augenblick nur, teilt sie wie einen Vorhang, der sich hinter ihr wieder schließt, schwarz und schwer, wie Samt. Sie liebt es, nachts zu fahren, allein im Wagen und allein auf der Straße, sie genießt die Einsamkeit und die Leere, die Stille. Keine Musik aus dem Autoradio, nur das sanfte Schnurren des Motors begleitet ihre Gedanken, und sie hört das Lied der Straße.

Sie öffnet das Fenster, der Nachtwind fährt in ihr Haar, streift ihr Gesicht, lässt sie erschauern, der Geruch von feuchter Erde steigt in ihre Nase. Sie fröstelt, dreht die Heizung höher und schließt das Fenster wieder. Doch rasch spürt sie die Wärme, die sie umfängt, einer Umarmung gleich. Der schwere Wagen gleitet durch die Nacht, wie ein Ozeandampfer durch die Weite des Meeres oder ein Raumschiff durch die Unendlichkeit des Alls.

Sie fährt schnell und sicher, lässt Stunde um Stunde, Stadt um Stadt hinter sich, um einem Ziel am Ende der Nacht entgegenzureisen. Die Morgendämmerung bricht an, die Silhouetten der Berge zeichnen sich bereits vor dem blassen Himmel ab, es wird heller. Wie schön ist diese zauberhafte Stimmung, die Fahrt dem Sonnenaufgang entgegen mit seinem gelb-orangen Farbenspiel, aber im Rückspiegel noch die rosa und violett gefärbten Wolken der verblassenden Nacht, dramatische Gebilde wie von William Turner gemalt, ein phantastisches Erlebnis zwischen Traum und Tag.

Ein neuer Morgen ist erwacht. Die Traumtänzer, die ihre Fahrt begleitet haben, ziehen sich zurück, zerreißen das Gespinst der Träume und überlassen die Fäden dem Morgenwind, der sie als Nebelschwaden zwischen die Äste der Bäume hängt. Das Lied der Amsel erklingt, begrüßt den jungen Tag und tanzt mit dem Wind den ersten goldenen Sonnenstrahlen entgegen, die die Reste der Träume, verfangen im Geäst der Bäume, sanft berühren und auflösen.

© Gudrun Winklhofer

Kontaktiere uns

Sei ein Teil unseres starken Netzwerks und setz dich mit uns in Verbindung

Sending

©2018 The Female Crowd | Impressum

Log in with your credentials

Forgot your details?