Pilgern in die Achtsamkeit

Den Jakobsweg habe ich damals eher zufällig ausgewählt. „Pilgern“ war für mich ein Fremdwort. Aber ein Spanienurlaub war geplant und ein paar Geschichten über diesen Pilgerweg zogen mich an. Ich bin damals schon gerne gegangen und war außerdem auf Abenteuer aus – also warum nicht ein paar Tage noch anhängen?

Wir gingen immer sehr früh los, um nicht in die ärgste Hitze zu kommen. Wir starteten deshalb um 4.30 und waren gegen frühen Mittag schon an unserem Tagesziel. Dort hatten wir genug Zeit, um uns ein Quartier für die nächste Nacht zu suchen, uns den Ort anzusehen, mit anderen Pilgern zu plaudern und uns im Schatten auszurasten.

Am ersten Tag war das Aufstehen eine Qual. Doch genossen wir dann umso mehr die Ruhe des Nachmittags.

Ab dem dritten Tag begann ich, gerade diese Morgenstunden zu lieben:

Wir gingen Richtung Westen. Jeden Tag gingen wir im Dunkeln los. Die Nächte waren klar, wir konnten uns meist ohne Taschenlampe orientieren. Magisch war der sanfte Übergang von der Dunkelheit in die Dämmerung. Direkt vor uns bildete sich ein ewig langer Schatten unserer Selbst, erst noch sehr undeutlich. Mit der Kraft der Sonne wurde er immer kürzer und kräftiger, bis er mittags nur mehr ein undefinierbarer Fleck unter unseren Füßen war.

Das Bild dieses ewig langen Schattens in der Morgendämmerung hat sich in mein Mark gebrannt

Mit diesem tauchen noch mehr Bilder auf, wie z.B. ein wunderschön designtes Spinnennetz mit einzelnen großen Tautropfen behangen, die in der Morgensonne glitzern. Oder wie in der Schwarz-Weiß-Welt der Dunkelheit die Farben nach und nach ihren Platz bekommen. Für diese Momente brauche ich kein Foto und kein Tagebuch. Sie sind in meiner inneren Schatzkiste gespeichert.

Nach fast 20 Jahren tauchen diese Bilder in mir auf und ich höre diese Stille jenes Morgens, wie ich Schritt für Schritt mich in den Tag taste, den Rucksack mit all meinen Habseligkeiten auf meinen Schultern, mit dem Blick auf diesen Schatten und der Vorfreude auf die erste Rast und auf ein stärkendes Frühstück. Es ist eine Erinnerung mit all meinen Sinnen.

Noch was beobachte ich! In diesem Moment der Erinnerung ändert sich meine Wahrnehmung im Jetzt. Ich spüre eine sanfte, weiche Stille in mir aufsteigen, die mir eine wunderbare Ruhe schenkt und die mich in diesem Augenblick alles rund um mich vergessen lässt – jede Todo-Liste, jeden Ärger, Frust und Stress!

Was für ein wunderbares Geschenk!

„Pilgern“ bedeutet nun für mich, sich auf den Weg zu machen in die Entdeckung dieser Achtsamkeit! Und diese Achtsamkeit bedeutet, einfach zu Sein im Hier und Jetzt! Mit allen Sinnen sich selbst, mein Gegenüber und die Welt ohne Bewertung zu sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen!

Dieses Erleben damals hat eine Sehnsucht in mir geweckt!

Ich wollte noch mehr von diesen wunderbaren Augenblicken und begab mich auf die Suche! Und diese Entdeckungsreise ist für mich noch lange nicht beendet.

Es wurde eine Reise, die nicht mehr nur unbedingt mit dem Verreisen in Verbindung stand. Ich begann z.B. meine Wege im Alltag bewusst zu gehen und in mich zu lauschen: Gibt es Impulse in mir, die mir was mitteilen wollen. Diese Impulse lernte ich zu verfeinern. Wann will ich losgehen, in welcher Geschwindigkeit? Welchen Weg schlage ich ein? Möchte ich kurz wo verweilen?

Je mehr ich mir erlaube, diesen Impulsen im Alltag Raum zu geben, umso mehr werde ich überrascht. Da steht plötzlich eine Freundin vor mir, die – so wie ich – gerade Zeit hat für einen Kaffee. Die Todo-Liste, die ich mir vorgenommen habe, kann ich mit Leichtigkeit abarbeiten.

Und was mich am meisten erstaunt, ich komme selten „zu spät“. Auch wenn ich mal später dran bin, dann passt das meist mit dem Zeitplan meines Gegenübers zusammen … oder es ist ein Zeichen, dass ich mich von der Hektik des Alltages wieder zu viel treiben lasse.

Früher war mein Leben geprägt von Nervosität, innerer Fahrigkeit und einem Getrieben-Sein. Wahrscheinlich habe ich mir deshalb diesen Beruf ausgesucht, in dem ich meine Achtsamkeit jeden Tag noch mehr schulen kann und so einen Inneren Frieden entdecken kann.

Shiatsu – achtsame Berührung

Im Shiatsu wird immer von der „achtsamen Berührung“ gesprochen. Zu Beginn meiner Ausbildung habe ich diese Worte gehört und genauso wenig damit anfangen können, wie einst mit dem Wort „Pilgern“. Ich habe viele Techniken gelernt, viel geübt, mir viel Wissen angeeignet … und langsam eine Ahnung bekommen, was diese „achtsamen Berührung“ sein könnte. Inzwischen ist für mich genau das der größte Schatz von Shiatsu geworden: Ich bin ganz im Augenblick, ganz bei mir und ganz bei der Person, die ich gerade berühre!

Tai Ji Zen und Meditation

Ebenso sind Tai Ji Zen und Meditation für mich weitere Wege, in denen ich dieser Achtsamkeit meine Aufmerksamkeit schenken kann und mich weiter darin übe. Sie sind ein schöner Gegenpol zu unserem Alltag, der geprägt ist von Schnelllebigkeit, Wirtschaftswachstum, Ängsten und Überforderung.

Ich liebe meinen Beruf, weil ich hier auch andere Menschen auf diesem Weg begleiten darf. Sie sind meine größten Lehrer! Wer diese Entdeckungsreise in die Achtsamkeit einmal begonnen hat, beginnt diese Welt und sich selbst mit neuen Augen wahrzunehmen.

Alice Andexlinger-Gmeiner


 

 

 

 

 

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